Sunday, August 21, 2005

Eichmann in Jerusalem

Da ich heute nichts mache außer lesen, bekommt ihr jetzt einen Buchtipp von mir (der auch für alle Nicht-Politikwissenschaftler empfehlenswert ist, obwohl es ein Schinken von 400 Seiten ist): Hannah Arendts „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“. Ich lese das Buch für meine Abschlussprüfung und wusste ehrlich gesagt nicht so ganz, auf was ich mich eingelassen hatte, als ich mir das Buch ausgesucht habe, gelesen hatte ich es vorher nicht. Mich interessierte der Untertitel: „Ein Bericht von der Banalität des Bösen“. Wie kann das Böse banal sein? Ich habe am 11. September das Böse gesehen, und banal war der Tod von 3000 Menschen ganz bestimmt nicht. Eher schon das, was man sich auch als Nichtgläubiger unter etwas teuflischem, dämonischen vorstellt.

Aber genau dieses Bild zerstört Hannah Arendt mit ihrer Charakterisierung von Adolf Eichmann, jenem Mann, der 1961 in Israel vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt wurde dafür, dass er die Tötung von 6 Millionen Juden minutiös organisierte. Eichmann ist kein Dämon, er ist auch nicht verrückt oder ein Psychopath, auch kein Antisemit, er ist, und das ist das Erschreckende, vollkommen normal. Gegen die Juden hat er nichts, er macht nur seinen Job, tut das, was der Führer befiehlt. Er ordnet sieen Wertvorstellungen vollkommen der gerade herrschenden äußeren Ordnung unter. Das einzige, wonach er strebt, ist Anerkennung. Die Reflexion, über das was er tut, fehlt völlig, er hat keinerlei Fantasie, die es ihm ermöglichen würde, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Eichmann ist jedermann, ein subalterner, austauschbar – und doch: schuldig. Das Argument, dass er nur ein Rädchen im Getriebe gewesen sei und das jeder in dieser Situation genauso gehandelt hätte wie er, lässt Arendt nicht gelten. ER hat diese Taten begangen, ER muss sich dafür verantworten. Doch, so kritisiert Arendt auch das israelische Gericht, Eichmann ist nicht nur schuldig an Verbrechen gegen das jüdische Volk, sondern an Verbrechen gegen die ganze Menschheit. Er hat mit seinen Taten gegen eine der fundamentalsten Grundregeln des menschlichen Zusammenlebens verstoßen: die Menschlichkeit.

Die erschreckenste Erkenntnis aus Arendts Buch ist für mich allerdings, dass ein Verbrechen wie der Holocaust nicht so einzigartig und unwiederholbar ist, wie immer propagiert wird. Es braucht keine Monster, sondern nur genug Menschen wie Eichmann, für die das Feindbild vollkommen austauschbar ist. Und ein bisschen Eichmann steckt wahrscheinlich in jedem von uns.

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