Europa für Anfänger

Charlotte ist bei ihren Großeltern, Delphine in der Crèche – was kann ich also als Politikstudentin besseres mit meiner Zeit anfangen, als die europäische Union zu besuchen. Als Besichtungsprogramm stand das europäische Parlament auf dem Programm, alle anderen Institutionen können nur von Gruppen und mit Voranmeldung drei Monate vorher besucht werden, sehr bürgerfreundlich. Also los. U-Bahnstation Schuman, hier winkt mir schon die europäische Flagge entgegen, ich muss also richtig sein. Ich erklimme die Treppen aus dem Schacht, Rolltreppe gibt es keine (ob das mit den Behindertenrichtlinien der EU konform geht?) und brauche erstmal meine Sonnenbrille. Nicht nur, dass endlich die Sonne scheint, das „Quartier Européenne“ ist auch der stahlgewordene feuchte Traum eines Architekten: überall schimmern mir verglaste Wolkenkratzer in den verschiedensten Designs entgegen. Nach einem kurzen Blick auf die Uhr stelle ich fest, dass ich bis zur Führung um 10:00 Uhr noch ein wenig Zeit habe und mache mich so gemütlich auf den Weg zu EU Parlament. Kann ja nicht so schwer zu finden sein. Denkste. Hier sehen alle Gebäude gleich aus und außerdem scheint zumindest hier im EU Viertel noch niemand was von Feinstaubgrenzwerten gehört zu haben, die Autoabgase hier legen einen leichten Schleier in die Luft. Aber schlussendlich– der Mensch ist ja patent – finde ich dann doch, geschickt hinter einem Bauzaun versteckt, den Besuchereingang des Parlaments. Dumm nur, dass der verschlossen ist. Netterweise haben die EU-Menschen aber einen Zettel an die Tür gekleistert, dass man sch doch für die Führungen an den Haupteingang des Paul Henri Spaak Gebäudes wenden sollte. Auch gut – nur erstmal finden das Ding. Es ist das gleiche Gebäude, eine Tür weiter um die Ecke, für die, die es wissen wollen – und es steht zwar dran, Zutritt nur mit Akkreditierung, aber für die Führungen kommt man trotzdem rein. Ich bekomme so langsam das Gefühl, die EU ist nicht sehr erpicht auf Besucher. Zu Beginn der Führung sind wir dann aber doch ca. 25 Wissbegierige. Nachdem unsere Pässe überprüft sind – keine etwaigen Terroristen dabei (große Gefahr, vor allem, weil Sommerferien sind und sämtliche Abgeordnete vermutlich in Cannes am Strand liegen) bekommen wir von netten PR Mitarbeitern Audioguides in die Hände gedrückt (es gibt alle EU Sprachen, nur für Maltesisch brauchen sie noch ein wenig Zeit – mich würde interessieren, welcher Prozentsatz der Besucher eine Führung auf Maltesisch verlangt). Die Führung ist ein bisschen „Das EU Parlament für Dummies – eine Einführung für Anfänger“, aber was solls, zumindest habe ich jetzt gesehen, wo unsere Parlamentarier so tagen und im Informationszentrum sogar noch einen Comic zur Arbeitsweise des EU Parlamentes bekommen – kostenlos. Dahin verschwinden also unsere Steuergelder. Die EU-Verfassung als Druckversion gab es dafür nicht, aber man kann eben nicht alles haben, Comic ist ja auch bunter. Wer auch einen will, soll sich melden (und wieder: alle Sprachen, außer Maltesisch ;-)
Sarah
PS: Eben habe ich von Jean-Pierre erfahren, dass Charlotte noch eine Tag bei ihren Großeltern bleibt, also habe ich morgen noch einen Tag frei. Was mache ich denn mit so viel freier Zeit? Da könnte man ja direkt zu lernen anfangen.


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